
Greenfinder hat sich mit einem Heidelberger Berufspendler getroffen, der sein Auto verkauft hat und seither nur noch Pedelec fährt.
Greenfinder: Du fährst nun seit einem Jahr mit dem Pedelec zur 20 km entfernten Arbeitsstelle. Wie kam es dazu?
Thomas: "Ich habe auf einer Messe am Bodensee (Eurobike, Anm.d.Red.) zum ersten Mal Kontakt mit Elektrofahrrädern gehabt und bin dort auf einer Teststrecke ein paar Räder zur Probe gefahren. Das hat mega Spaß gemacht. Danach hab ich mich informiert, was es alles an E-Bike und Pedelec-Modellen gibt und was für mich in Frage kommen würde und hab mir im Juli 2014 eins gekauft."
Greenfinder: Okay, aber mit dem Kauf war ja nicht automatisch klar, dass Du damit ins Büro fährst, oder?
Thomas: "Nein. Die Erkenntnis kam erst nach drei oder vier Monaten. Am Anfang hab ich mich natürlich über das neue Stück Technik sehr gefreut und bin fast jeden Tag in die Stadt oder zum Brötchen holen oder zu Freunden gefahren. Der Weg zur Arbeit war mir ehrlich gesagt noch zu weit und ich habe oft das Auto genommen. Wenn man sich aber ein neues Rad kauft, dann schaut man bei anderen Fahrradfahrern viel genauer hin und interessiert sich mehr dafür als vorher. Also hab ich auch oft aus dem Auto raus nach anderen Rädern geschaut und gemerkt, dass es viele Menschen gibt, die ohne Trittunterstützung und Motor und bei jedem Wetter mit dem Rad unterwegs sind. Das hat mich irgendwie geärgert!" (lacht).
Greenfinder: Wieso denn geärgert?
Thomas: "Ich finanziere mein Pedelec über so ein JobRad-Leasing mit monatlich 100 Euro und trotzdem hab ich noch viel zu oft das Auto benutzt. Irgendwie hab ich mich dann mal hingesetzt und das ausgerechnet und am Ende war eigentlich völlig klar, dass das Auto überhaupt keinen Sinn mehr macht. Im Vergleich zum Auto ist ein Pedelec extrem günstig und wenn man mal ehrlich ist zu sich selbst, dann kriegt man jede Strecke irgendwie auch mit dem Fahrrad hin. Wenn die ganzen Omas und Opas auf ihren normalen Rädern ein paar Kilometer übers Feld von Stadt zu Stadt fahren können, kann ich das ja auch. Das hat mir bei der Entscheidung sehr geholfen."
Greenfinder: Du hast Dein Auto verkauft.
Thomas: "Genau. Ziemlich harte Maßnahme, aber nur so konnte es bei mir funktionieren. Wenn es da vor der Tür gestanden hätte die ganze Zeit, dann wäre ich wahrscheinlich doch wieder eingestiegen. Der Mensch ist eben ein fauler Hund und wenn’s bequem geht, dann bitte immer schön bequem. Leider vergisst man dabei ein paar Dinge: Du bewegst Dich weniger. Wer wie ich jeden Tag 8 Stunden im Büro hockt und sonst auch nicht wirklich viel Bewegung hat, der rostet extrem schnell ein. Mein Smartphone zählt die täglichen Schritte und wenn Du durchschnittlich pro Tag nur 3.000 anstatt der empfohlenen 10.000 schaffst, dann macht das schon nachdenklich. Jetzt sind es 8.000 Schritte im Schnitt, wenn ich abends zu Hause ankomme. Andere Leute fahren mit dem Auto ins Fitness-Studio, um dort dann Rad zu fahren. Hast Du Dir mal überlegt, wie dumm das eigentlich ist?"
Greenfinder: Aber Auto verkaufen und nur noch Rad fahren kann auch nicht jeder.
Thomas: "Das ist Quatsch. Ich wette mit Euch, dass 8 von 10 Stadtmenschen ohne Probleme auf ihr Auto verzichten könnten. Sie wissen es nur nicht, weil das Auto in Deutschland so einen Status hat wie ein Kühlschrank: das gehört einfach zur Grundausstattung. Dabei ist die Kombination aus Fahrrad und öffentlichen Verkehrsmitteln wie z.B. der S-Bahn der Hammer! Wir leben ja nicht mehr im Mittelalter (holt sein Smartphone raus)… die haben mittlerweile überall Apps, mit denen Du super schnell die beste Verbindung finden kannst. Ich kauf' damit sogar meine Fahrscheine. Man muss sich eben ein Mal 10 Minuten damit auseinandersetzen, danach klappt das auch. Manchmal habe ich keine Lust auf ne längere Strecke, dann fahr’ ich ein Teilstück mit der Bahn oder sogar dem Bus. Bis jetzt hat noch kein Busfahrer was gesagt."
Greenfinder: Welche Strecken fährst Du denn jetzt mit dem Rad?
Thomas: "Eigentlich alle. Für Kurzstrecken unter 10 Kilometer muss ich gar nicht mehr groß überlegen, da das Fahrrad sowieso immer das schnellste ist. Ich brauche 15 Minuten zum nächsten Bahnhof und der liegt 7 km entfernt. Wenn mich das Wetter oder der Wind nervt, dann nehme ich dort eine Bahn und komme eigentlich überall damit hin. Es gibt Situationen, da ist ein Auto einfach das beste, dann hole ich mir eines am Bahnhof bei Flinkster. Da zahlt man dann 3 Euro pro Stunde und bekommt einen neuen Citroen C3 oder so. Ich habe seit Januar 2 mal ein Auto gebraucht und jetzt ist fast August. Autos sind absolut unnötig in der Stadt."
Greenfinder: Was empfiehlst Du Leuten, die auch darüber nachdenken, mehr Rad zu fahren?
Thomas: "Vom Auto aufs Pedelec umzusteigen war für mich die beste Entscheidung, die ich seit langer Zeit getroffen habe. Man muss versuchen, die üblichen Ausreden zu vergessen und nach Lösungen zu suchen. Wetter schlecht? Anständige Klamotten kaufen, bei Decathlon gibt’s richtig günstige und gute Radbekleidung für jedes Wetter. Anstrengend? Nicht mit einem Pedelec, das kann man so einstellen, dass man Dank Unterstützung fast nix mehr machen muss. Meine Einkäufe packe ich in den Rucksack. Pedelec zu teuer? Niemals! Rechnet mal gescheit nach! Ein Auto kostet mindestens 400 Euro im Monat, der ADAC hat da ne gute Kosten-Tabelle, da fällt Dir nix mehr ein. Meine Mobilitätskosten belaufen sich im Monat auf ca. 150 Euro und ich mache automatisch mehr Sport. Ein E-Bike für 3.000 Euro klingt erstmal nach viel Geld, aber rechne mal aus, was man beim Auto pro Kilometer zahlt. Fahrrad fahren ist einfach viel intelligenter und ich freue mich jeden Tag, wenn ich sehe, dass immer mehr Menschen das verstehen."
Greenfinder: Vielen Dank für Deine Zeit, Thomas.
Das Interview führte Sascha Nachtnebel mit Thomas Hartmann (52) aus Heidelberg. Thomas fährt ein Coboc eCycle aus der E-Bike Manufaktur Coboc, ebenfalls aus Heidelberg.
Thomas' Pendel-Alltag:
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