
Als die Stiftung Warentest gemeinsam mit dem ADAC vor einer Woche einen neuen Pedelec-Test veröffentlicht hat, ging ein Raunen durch die Menge der E-Bike-Hersteller, -Händler und -Fahrer und Unverständnis machte sich breit. Von 15 Pedelecs schnitten gleich fünf dem vernichtenden Urteil „mangelhaft" ab. Das beste (Flyer B 8.1) erhielt mit einer 1,7 gerade einmal das Urteil „gut“.
Greenfinder hat in der vergangenen Woche schon über den "E-Bike Test" der StiWa berichtet.
Wirft man unter der Online-Veröffentlichung der Stiftung Warentest zunächst nur einen Blick auf die Kommentare der Leser, wird man das erste Mal stutzig. Von einem Großteil der User wird vor allem die Vorgehensweise der Tests in Frage gestellt. Zu Recht? Dazu ein Beispiel: Für die Kategorie "Bruchsicherheit und Stabilität" wurden die Pedelcs in wenigen Stunden Belastungen von bis zu 10 Jahren Betriebsdauer ausgesetzt. Die regelmäßige Wartung und Pflege, die von einem verantwortungsvollen E-Biker zu erwarten ist, findet in diesem Test jedoch keinen Platz.
Ebenso großes Echo fand die Bewertung der Bremsleistung. Leider hat die StiWa ohne Rücksicht auf das jeweils zulässige Gesamtgewicht jedes E-Bike einer Gesamtbelastung von 150 kg ausgesetzt und dann das Bremsverhalten getestet. Das Stevens E-Courier, eines der mit "mangelhaft" abqualifizierten E-Bikes, ist laut Herstellerangaben jedoch nur auf 140 kg ausgerichtet.
Wie haben sich also die Hersteller (*) selbst zu den teilweise durchaus fragwürdigen Bewertungen ihrer Produkte positioniert? Greenfinder hat dies für Sie einmal in einem kleinen Überblick zusammengestellt:
"Jedes Produkt weist früher oder später Defekte auf, wenn es nur lange genug entgegen klarer Herstellervorgaben getestet wird."
Der Hersteller geht in seiner Stellungnahme zunächst auf die schlechte Bewertung des Bremsverhaltens ein. Verbaut ist die Hydraulikbremse von Magura HS22, die noch im März dieses Jahres von der Stiftung Warentest im Überblick über Fahrradbremsen besonders positiv hervorgehoben wurde. Das 2014 getestete Vorgängermodell des E8F erhielt in Kombination mit dem Vorgängermodell der Magura-Bremse noch die Note "gut". Komponenten wie Felgen, Bremsbeläge und Federgabel sind beim aktuellen PEGASUS Premio E8F identisch mit denen des Testrads aus dem Jahr 2014. Eine Verschlechterung von 3 Notenpunkten ist also aus dieser Perspektive schon schwer nachvollziehbar. Zuletzt entkräftet Pegasus die schlechte Bewertung in puncto Belastung. Herstellerseitig ist das E8F auf 135 kg zugelassen, getestet wurde es jedoch mit 150 kg Belastung.
"Weder aus der Testbeschreibung noch auf Anfrage wird ersichtlich, nach welchen Prüfkriterien die Stiftung Warentest getestet hat."
Auch beim E-Courier ist die Magura Hydraulikbremse verbaut, wie im durchgefallenen Pegasus-Pedelec. Auch seitens der Firma Stevens ist nicht ersichtlich, wie es zu diesem Urteil kommen konnte. In der Stellungnahme verweist man darauf, dass die Gustav Magenwirth GmbH & Co. KG nach Vorab-Bekanntgabe durch die Stiftung Warentest die guten Bremswerte durch einen Test nach DIN bestätigt habe. Dies habe die StiWa in ihrer Berichterstattung jedoch nicht einbezogen. Trotz gleicher Kombination aus Bremse (Magura HS 11), Felge (Ryde Travel Pro) und Federgabel (Suntour NCX-D) kommt es bei drei verschiedenen Stevens-Produkten in den Jahren 2013 und 2014 zu völlig unterschiedlichen Bewertungen. Auch darauf liefert die StiWa keine Antwort, ebenso wie auf die Frage, wie es immer abwechselnd zu Abwertungen und Testsiegen kommen konnte. Seit Jahren werden die Stevens-Pedelecs nach Prüfsystemen und Abläufen zur Beurteilung der Fahreigenschaften von Pedelecs, die vom renommierten Institut Zeder entwickelt wurden, optimiert.
"Verbraucherbeanstandungen oder Hinweise auf eine gebrochene Sattelklemmung liegen nicht vor."
Zunächst weist Kettler Alu Rad daraufhin, dass zum Hersteller des getesteten Pedelecs, der Heinz Kettler GmbH & Co. KG, keine gesellschaftsrechtliche Verbindung besteht. Hier ist schon die erste Ungenauigkeit der StiWa zu erkennen. Da Kundenzufriedenheit- und vor allem Sicherheit der Kettler Alu Rad sehr am Herzen liegt, fühlt man sich trotzdem verpflichtet, Stellung zu beziehen. Nach der Bekanntgabe des mangelhaften Urteils, hauptsächlich aufgrund einer angeblich brüchigen Sattelklemme, hat man diese nochmals von Zedler und vom TÜV Rheinland testen lassen. In diesem Test konnten die beanstandeten Mängel der StiWa nicht nachgewiesen werden. Die gesetzlichen Anforderungen seien hingegen im vollen Umfang erfüllt.
"Testverfahren entsprechen weder den aktuell gültigen Normen noch unseren umfangreichen Test- und Herstellervorgaben."
Die Firma Fischer verweist in ihrer Stellungnahme auf die bereits durchgeführten Tests der anerkannten Prüfinstitute Velotech, TÜV Süd und Hanse Control. Nach der Vorab-Bekanntgabe des Testurteils der StiWa hat man trotzdem eine umgehende Nachprüfung durch Velotech veranlasst. Hier konnten die GS-Anforderungen (Geprüfte Sicherheit) abermals bestätigt werden. Mehr noch: Mit den überaus hohen Anforderungen von Velotech lag man sogar noch weit darüber. Die schlechte Nachvollziehbarkeit und Praxisferne sieht man bei Fischer darüber hinaus darin bestätigt, dass auch beim ECU 1603 nicht das in der Bedienung zulässige Gesamtgewicht berücksichtigt wurde.
Einen realistischen Eindruck von einem E-Bike oder Pedelec kann man erhalten, wenn man es selbst fährt. Am besten bei einem Fachhändler in der Nähe, denn der kann dazu noch professionell beraten und das richtige E-Bike für den individuellen Bedarf empfehlen. Die meisten Fachhändler haben jahrelange Erfahrung und wissen, was Qualität ist und was nicht.
Eine der nächsten Gelegenheiten zum ausgiebigen Erproben ist die Leitmesse für Fahrräder und E-Bikes, die EUROBIKE in Friedrichshafen. In diesem Jahr kann dort jeder Verbraucher vom 03. - 04.09.16 über 3.000 Fahrräder und E-Bikes auf unterschiedlichsten Parcours auf Herz und Nieren testen und sich selbst ein Bild machen. Die Stiftung Warentest trägt leider zur Verunsicherung vieler Verbraucher bei und sät Zweifel, wo keine sein sollten. Daher sind solche "Tests" immer mit Vorsicht zu genießen.
Worauf man beim E-Bike Kauf sonst noch achten sollte, erfahren Sie in unserem umfangreichen E-Bike Ratgeber
(*) Zum Zeitpunkt dieser Veröffentlichung stand die Stellungnahme von Aldi Nord noch aus und konnte daher nicht berücksichtigt werden.